Stärke der AfD in Sachsen-Anhalt: „Der Osten ist eher das Normal“

Von | 27. August 2026

Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Umfragen sehen die AfD bei 42, die CDU bei 22 Prozent. Warum die Partei gerade hier so stark ist, hat mdr Sachsen-Anhalt den Parteienforscher Benjamin Höhne von der TU Chemnitz gefragt, der lange in Sachsen-Anhalt gearbeitet hat.

Ein typisch ostdeutsches Problem sei es nicht, sagt Höhne, sondern eines aller westlichen Demokratien, im Westen nur schwächer ausgeprägt. „Insofern kann man sagen: Der Osten der Republik ist eher das Normal und der Westen eher die Abweichung, weil dort das etablierte Parteiensystem noch stabiler ist, die Zivilgesellschaft resilienter ist und sie rechten Umtrieben mehr entgegensetzen konnte und kann, als im Osten.“

Krise der repräsentativen Demokratie

Als eine Ursache nennt Höhne die Krise der repräsentativen Demokratie: „Rechtspopulismus und Rechtsextremismus reagieren darauf, aber nicht, um Probleme zu lösen, sondern um sie zu verschärfen.“ Dazu kämen düstere Zukunftserwartungen: „Die Angst vor dem, was da kommt, die vielfältigen Krisen, mit denen die Menschen klarkommen müssen, zugleich Zweifel, ob der demokratische Staat noch ausreichend zur Problemlösung in der Lage ist. Da flüchten sich viele zu Rechtsaußenparteien und fallen autoritären Versprechen anheim.“

Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 zeigt diesen Widerspruch: 90 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden, der Zukunft des Landes trauen nur 17 Prozent etwas zu. Hinzu komme die Strukturschwäche des Landes, sagt Höhne, abgebaute Arbeitsplätze, gescheiterte Ansiedlungen wie Solar Valley, dem Industriestandort in Bitterfeld-Wolfen. Der Vertrauensvorschuss für die Westparteien sei nach 1990 entsprechend gering ausgefallen.

      

Eine Spur, die bis zur DVU von 1998 führt

Die AfD knüpft an eine ältere Geschichte an. „Dort, wo rechtsextreme Parteien in der Vergangenheit stark waren, zeigt sich in der Regel auch eine überproportional hohe Zustimmung zur AfD“, sagt Höhne. „In Sachsen-Anhalt kann man auf das Ergebnis der DVU von knapp 13 Prozent im Jahr 1998 zurückblicken, als diese Retortenpartei von Gerhard Frey aus München aus dem Stand in den Landtag einzog.“

Die Wahlanalysen von damals zeigen weitere Parallelen. Die DVU hatte keine Ortsverbände, dafür eine von Frey finanzierte Plakat- und Briefkampagne, mit der sie gezielt alle Jung- und Erstwähler anschrieb. Bei den 18- bis 24-Jährigen kam sie auf gut 25 Prozent. Heute läuft dieselbe Ansprache über TikTok: Spitzenkandidat Ulrich Siegmund ist dort der reichweitenstärkste deutsche Politiker. Bei den ostdeutschen Landtagswahlen 2024 war die AfD bei den Jungwählern jeweils stärkste Kraft.

Wende-Narrativ und Ost-Identität

In AfD-Chats ist von „Wende 2.0“ die Rede, Siegmund spricht davon, Geschichte zu schreiben. Treibt dieses Narrativ die Partei an? Höhne sieht darin keine Erfindung der AfD: „Die identitätspolitischen Debatten um ostdeutsche Identität und um Identität in Sachsen-Anhalt gehen weiter zurück. Was die AfD versucht, ist, diese für sich zu nutzen.“ Damit stehe sie in einer Traditionslinie zur PDS, der SED-Nachfolgepartei, die sich in den 1990er-Jahren als ostdeutsche Interessenvertretung verstand.

Dasselbe sei es aber nicht: „Die AfD ist ein gesamtdeutsches Phänomen. Wenn man zur AfD in die westlichen Bundesländer geht, wird man viel weniger oder gar nichts über ostidentitätspolitische Debatten hören.“ Auch die heutige Linke ist längst eine gesamtdeutsche Partei.

Einen ostdeutschen Sonderweg innerhalb der AfD erkennt Höhne nicht: „Die Gemeinsamkeiten sind am Ende des Tages stärker als die Differenzen. Die AfD befindet sich auf Rechtsaußenkurs, und der wird von den ostdeutschen Landesverbänden vorangetrieben, unter anderem von Sachsen-Anhalt.“ Der Kern seien sind die Flügel-Leute um Björn Höcke in Thüringen.

Was im Fall einer Regierungsübernahme ansteht

Übernimmt die AfD in Magdeburg die Regierung, rechnet Höhne mit einem Professionalisierungsschub, auf den auch andere Landesverbände schauen würden. „Sie hat schon angekündigt, dass sie Spitzenbeamte auswechseln möchte. Da kursierten Zahlen von 150 bis 200 Personen.“

Darauf arbeitet die Partei seit Jahren hin: 2025 gründete sie in Berlin die „Schwarz-Rot-Gold Akademie GmbH“, die Personal für Politik und Verwaltung schult. Ein weiterer Unterschied zur DVU, deren Fraktion sich nach 1998 in Skandalen selbst zerlegte.

Das beherrschende Thema werde der Kulturkampf sein, weniger Migration oder Wirtschaft: „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Zivilgesellschaft, Demokratieprojekte, Universitäten, also da, wo Landeskompetenz vorliegt, da wird die AfD versuchen, im Sinne ihrer Rechtsaußen-Ideologie tätig zu werden.“

Wirtschaftlich erwartet er eher Einbußen: „Internationale Unternehmen oder Unternehmer, die Interesse haben, nach Sachsen-Anhalt zu kommen, werden eher einen Bogen um das Land machen, weil sie befürchten müssen, persönlichen Angriffen ausgesetzt zu sein.“