Energiepolitik: Belgien stoppt Rückbau aller Atomkraftwerke

Von | 1. Mai 2026

Nichts darf mehr angerührt werden. Dort, wo Ingenieure dabei sind, Schaltanlagen und Maschinen abzubauen, müssen sie damit sofort aufhören – das ist der wohl spektakulärste Teil eines aktuellen belgischen Beschlusses. „Wir wollen die Kontrolle zurückgewinnen“, begründete Belgiens Regierungschef Bart De Wever den Plan seiner Regierung, Belgien zum alleinigen Gestalter seiner Energiepolitik zu machen.

Man wolle über Laufzeitverlängerungen über 2035 hinaus und über Neubauten Kontrolle haben, so De Wever. Ziel ist unter anderem, nicht mehr von dem französischen Konzern engie abhängig zu sein. Dieser betreibt die belgischen Kernkraftwerke bisher noch, doch Belgien will engie die Anlagen abkaufen.

Branchenverbände jubeln, Umweltverbände schockiert

„Wir müssen weg von fossilen Brennstoffen“, sagte der Regierungschef. „Würden wir unsere Atomkraftwerke abschalten, wären wir von Gaskraftwerken abhängig.“ Das wäre eine sehr schlechte Idee, erklärt De Wever weiter, und nennt die Abschaltung der Atomkraftwerke „das Dümmste, was in diesem Jahrhundert in diesem Land getan wurde.“ Denn: „Ein Land mit Kernkraft-Ambitionen und ein Betreiber, der aussteigen will, ist eine schlechte Kombination.“

Die Reaktionen – vielfältig: Viele Branchenverbände jubeln förmlich. Strom werde dadurch langfristig billiger werden. Umweltverbände reagieren schockiert. Das sei eine schlechte Nachricht für die Energiewende, das Klima und den Steuerzahler. Nun würden viele Milliarden Euro Steuergeld in eine veraltete und riskante Technologie investiert.

Das sei nicht die Verstaatlichung einer Industrie, sondern die Verstaatlichung eines Fasses ohne Boden, teilte die Umweltorganisation Greenpeace mit. Die belgischen Grünen sprechen von einem „völligen Wahnsinn“ und einem Haushaltsloch für die nächsten 100 Jahre.

Druck auch aus Deutschland

Die belgischen Atomkraftwerke stammen im Prinzip alle aus den 1970er-Jahren. Im belgischen Tihange bei Lüttich wurde bereits vor drei Jahren ein Reaktorblock stillgelegt, in dessen Druckbehälter Risse aufgetreten waren. Für dessen Stilllegung hatte sich lange Zeit auch das benachbarte deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen eingesetzt.

Allerdings ist bislang keine Rede davon, ausgerechnet diesen Reaktor wieder zu aktivieren. Zunächst einmal werde eine Bestandsaufnahme gemacht, um zu schauen, was überhaupt möglich ist, erklärte Belgiens Energieminister Mathieu Bihet: „Das eröffnet verschiedene Möglichkeiten, darunter den Stopp der Stilllegung der Anlagen.“

Auch könne man Erweiterungen und Neubauten prüfen. „Es ist ein grundlegender Schritt für uns, unsere Energiepolitik unabhängig zu gestalten und den Energiesektor umzubauen“, so Bihet.

Wiederanfahren von Tihange 1 denkbar

Klar ist aber: Alle laufenden Stilllegungs- und Rückbauarbeiten an den Kraftwerken werden mit sofortiger Wirkung gestoppt. Das dürfte vor allem den Reaktor Tihange 1 betreffen.

Hier sollten demnächst wichtige Steuerungselemente ausgebaut werden. Nun ist ein mögliches Wiederanfahren zumindest theoretisch denkbar, wenn sich der belgische Staat mit dem französischen Energiekonzern engie einig wird.

Eine weitere Voraussetzung ist, dass es die Regierung schafft, entsprechend geschulte Ingenieure aufzutreiben, die es in Belgien jenseits des französischen Betreibers nicht gibt.

Übernahmepreis bislang unklar

Über den Übernahmepreis wird bislang spekuliert. Da es sich um eine abgeschriebene Anlage handelt, könnte er theoretisch bei einem Cent anfangen, meinen Wirtschaftsexperten.

Die Kosten für die Atommüllentsorgung und andere Folgelasten hatte der belgische Staat bereits vorher im Rahmen eines Joint-Venture in die eigene Zuständigkeit übernommen – hier wurde eine Summe von 15 Milliarden Euro genannt, was aber nichts über die tatsächlichen Kosten aussagen dürfte.

Wiederaufnahme würde viele Jahre dauern

In Belgien gibt es noch zwei aktive Reaktoren, einen in Tihange und einen in Doel bei Antwerpen. Fünf Reaktoren wurden bereits abgeschaltet. Der Bürgermeister der Gemeinde Doel, Marc Van de Vijver, sagte dembelgischen Sender VRT, es sei noch unklar, was die Pläne konkret bedeuten.

In Doel sei nur noch ein Block in Betrieb. Zwei Reaktoren seien letztes Jahr abgeschaltet worden. Ein Dritter stehe schon länger still und befinde sich in einem Rückbauprogramm: „Das wird nicht so leicht zu stoppen sein“. Eine Wiederaufnahme des Betriebs würde viele Jahre dauern, so Van de Vijver.

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