Digitalgipfel der Bundesregierung: Ist der KI-Zug in Deutschland schon abgefahren?

Von | 2. November 2026

Es drängt sich ja manchmal das Gefühl auf, dass Deutschland abgehängt ist, wenn es ums Digitale geht. Die Anmeldungen zum Digitalgipfel der Bundesregierung sprechen allerdings eine andere Sprache: „Wir sind ausverkauft, fast schon ‚über-ausverkauft‘. Die Nachfrage war doch größer, als wir sie erfüllen konnten“, freut sich Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU).

Er ist Gastgeber des Gipfels, der heute und morgen in Berlin stattfindet. Er erwartet Dutzende Gäste aus aller Welt: Mit dabei sind die Digitalministerinnen und -minister aus Frankreich, den Niederlanden und Kanada. Die CEOs zahlreicher Techfirmen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Nicht zuletzt soll auch Bundeskanzler Friedrich Merz vorbeischauen.

Dauerbrenner: Künstliche Intelligenz

Sie alle sollen sich auf Paneldiskussionen, bei Keynotes und an Messeständen austauschen. Das Kernthema ist auch in diesem Jahr wieder der Dauerbrenner: Künstliche Intelligenz.

Ganz besonders steht die Frage im Raum, wie auch Deutschland und Europa mitreden können in Sachen KI. Karsten Wildbergers Erwartung dabei: Für Aufbruchstimmung sorgen in Sachen KI. „Wie können wir auf dem, was jetzt heute schon in Gang gekommen ist, noch mal aufsetzen, um weiter auch bei Künstlicher Intelligenz vorne mitzuspielen“, so der Minister.

Abhängigkeit von den USA „noch weiter gestiegen“

In der Tat hat sich beim Thema Digitales einiges getan in Deutschland: Deutsche Unternehmen spielen eine wichtige Rolle dabei, KI in der Industrie einzusetzen. Deutsche gründen reihenweise KI-Start-ups. Die Politik hat eine Rechenzentrumsstrategie ins Leben gerufen.

Dass Deutschland allerdings ganz vorn mitspielt, daran zweifeln einige. Eines der Kernprobleme: In Sachen KI sind Deutschland und Europa noch immer abhängig von den USA. Dort machen die großen Techfirmen von OpenAI bis Nvidia das große Geld, dort stehen die Rechenzentren, dort wird der „State of the Art„ mit jedem neuen KI-Programm gesetzt. Wer daran teilhaben will, muss „Made in America“ kaufen.

Ein Zustand, den man auch beim Thinktank Agora Digitale Transformation in Berlin beobachtet. Geschäftsführer Stefan Heumann fasst die Entwicklung seit dem letzten Digitalgipfel vor einem Jahr so zusammen: „Wir sind leider nicht sehr souverän.“ Im vergangenen Jahr sei das sehr prominent diskutiert worden, so Heumann. „So wirklich viel passiert ist seitdem nicht. Man könnte eigentlich sagen, dass die Abhängigkeiten noch weiter gestiegen sind.“

Die Übermacht von Big Tech

Besonders deutlich wird das bei den Investitionen. Agora Digitale Transformation hat den Bundeshaushalt durchkämmt und jeden Euro zusammengezählt, der in den Bereich KI fließt. Das Ergebnis: Dem Thinktank zufolge steckt der Staat rund 800 Millionen Euro in Projekte der Künstlichen Intelligenz – 0,15 Prozent des Bundesetats.

Vor allem im Vergleich zu den astronomischen Summen, mit denen Big Tech in den USA um sich wirft, ist diese Summe kaum der Rede wert. Allein Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta investieren laut Agora Digitale Transformation in diesem Jahr umgerechnet 655 Milliarden Euro in KI – das ist mehr als der gesamte Bundeshaushalt.

Allerdings: Es geht nicht nur ums Finanzielle, betont Digitalminister Wildberger im Bericht aus Berlin: „Es ist nicht immer nur eine Frage des Geldes, sondern auch die Frage des Mindsets. Das heißt: Sind wir mutig genug, diese Technologie wirklich zu umarmen und auch die Möglichkeiten zu nutzen? Ich glaube, da haben wir Aufholbedarf.“

KI-Zug „macht immer wieder Zwischenstationen“

Aufholbedarf sieht man auch in der Wirtschaft. Bernhard Rohleder ist Hauptgeschäftsführer von Bitkom, dem Branchenverband der Digitalwirtschaft. Er macht es konkret: „Wir sind abhängig im Bereich der Künstlichen Intelligenz, was den Import oder den Bezug von sogenannten Basismodellen angeht, also den großen Modellen, die unter anderem ChatGPT oder auch Claude von Anthropic zugrunde liegen oder auch DeepSeek aus China. Das können wir in Deutschland noch nicht so, wie das andere können.“

Abgefahren sei der Zug für Deutschland trotzdem nicht, sagt Rohleder: „Der KI-Zug fährt schnell, aber macht immer wieder Zwischenstationen.“ Soll heißen: Nicht jedes Land muss sein eigenes ChatGPT haben. Nicht jede Regierung muss mit Milliardeninvestitionen um sich werfen, wie Big Tech es in den USA tut. „Clever statt nur viel investieren“ ist das Motto.

Deutsche KI-Grundlagenforschung fördern

Deutschland könnte zum Beispiel Akzente bei der sogenannten Physical AI setzen, also dem Bereich, wo KI in Maschinen, Fabriken, Robotern oder autonomen Fahrzeugen eingesetzt wird. Oder stärker die deutsche KI-Grundlagenforschung fördern. Außerdem wäre es möglich, Partnerschaften mit anderen Ländern, außerhalb der USA zu schließen – so wie bei der Zusammenarbeit des kanadischen KI-Unternehmens Cohere mit dem deutschen Aleph Alpha aus Heidelberg.

Genügend Diskussionsgrundlage also für die zwei Gipfeltage – und auch genügend Arbeit für die kommenden Monate, wie Digitalminister Wildberger erwartet: „Es gilt jetzt, die Ärmel hochzukrempeln und Tempo aufzunehmen.“

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