Hans-Joachim Kümpel lehnt sich zurück und schüttelt leicht resigniert den Kopf. „Das Thema Fracking ist in Deutschland ziemlich vergiftet, eine sachliche Debatte schwer möglich“, sagt der ehemalige Chef der deutschen Rohstoff-Behörde (BGR). „Als neutrale Behörde haben wir stets versucht, sachlich auf die großen Chancen hinzuweisen – ähnlich wie viele andere unabhängige Experten. Leider hat die Politik sich anders entschieden.“
Dabei sieht der Geophysiker ein enormes Potential zur Energieversorgung Deutschlands durch heimisches Schiefergas. „Etwa ein Viertel unseres jährlichen Erdgasbedarfes könnte auf Jahrzehnte gedeckt werden“, schätzt Kümpel. Die Hauptvorkommen liegen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Zudem gibt es Vorkommen im nördlichen Oberrheingraben in Rheinland-Pfalz.
„Grundwasser nicht gefährdet“
Gegen Fracking in Deutschland gibt es in der Bevölkerung und in der Politik massiven Widerstand. Eine Förderung ist hierzulande seit 2017 gesetzlich verboten. Ein Vorwurf der Gegner: Das Grundwasser werde durch Chemikalien beim Fracking gefährdet. Kümpel nennt das „grundlose Vorbehalte“.
Er erklärt dazu: „Das von uns genutzte Grundwasser liegt in einer Tiefe von bis zu 200 Metern. Beim Fracking wird aber in mindestens 1.000 Metern gebohrt.“ In diesen Tiefen sei Wasser durch Salze und andere gelöste Stoffe so stark belastet, dass es zum Verzehr ohnehin gar nicht geeignet sei. „Beim Fracken werden Flüssigkeiten der Gefährdungsklasse 1 eingesetzt. Das entspricht qualitativ Schwimmbadwasser“, so Kümpel.
LNG-Gas belastet Klima besonders
Kümpel setzt sich seit Jahren für Fracking in Deutschland ein – auch aus Klimaschutzgründen: Denn dass Deutschland immer mehr LNG-Gas aus Übersee bezieht, sieht der Geophysiker kritisch. „Um Erdgas als LNG zu uns zu bringen, ist ein hoher Energieaufwand nötig.“ Mit eigenem Schiefergas statt importiertem LNG können jährlich zehn Millionen Tonnen CO2-Emissionen vermieden werden.
„Zudem sind die Auflagen für Fracking in den Lieferländern unterschiedlich streng“, so Kümpel. In manchen Staaten werde bei der Förderung viel Methan freigesetzt, das das Klima deutlich stärker belaste als CO2. „Rechnet man alles zusammen, kommt man auf einen vermeidbaren Gesamtausstoß, der dem der deutschen Zementindustrie entspricht. Wir wollen das Klima schützen, gehen über diese Tatsachen aber einfach hinweg.“
Dies sieht auch die deutsche Umwelthilfe (DUH) so, zieht allerdings einen anderen Schluss: Da Fracking im Ausland und die Belieferung Deutschlands mit LNG-Gas dem Klima schadet, setzt die DUH zur Energieversorgung auf den verstärkten Ausbau Erneuerbarer Energien.
Widerstand gegen Fracking in Deutschland
Ebenso wie die DUH spricht sich auch das Umweltbundesamt gegen Fracking aus und beruft sich auf mehrere Gutachten. Die Behörde kommt zum Schluss, dass Fracking sehr wohl zu Verunreinigungen im Grundwasser führen kann: „Besorgnisse und Unsicherheiten bestehen besonders wegen des Einsatzes von Chemikalien und der Entsorgung des anfallenden Abwassers.“ Zudem sei der Wasserbedarf beim Frackingprozess enorm hoch.
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisiert außerdem einen hohen Flächenverbrauch. Durch diese Fördermethode würden 5.000 bis 10.000 Quadratmeter pro Bohrstelle benötigt. Das sei gerade in einem dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik besonders problematisch.
Wachsende Abhängigkeiten
Fakt ist: Der Anteil von Gas aus den USA ist in Europa zuletzt stark gestiegen. Lag dieser vor dem Ukraine-Krieg noch bei etwa fünf Prozent, so ist er inzwischen nach Angaben des Thinktanks Bruegel auf 27 Prozent gestiegen. Die deutschen LNG-Terminals importieren sogar fast nur Gas aus den Vereinigten Staaten.
An dieser Entwicklung gibt es zunehmend Kritik: Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer warnt vor einer zu großen Abhängigkeit Deutschlands – ebenso das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln oder die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): „Durch den Ukraine-Krieg und die Entscheidung, auf russisches Pipelinegas zu verzichten, wurde Flüssigerdgas (LNG) zu einem Hauptpfeiler der Energieversorgung Deutschlands und der EU. Die europäische Nachfrage hat die Globalisierung des LNG-Marktes beschleunigt und fördert zugleich Konzentration und neue Abhängigkeiten“, heißt es in einer SWP-Studie.
Gasnachfrage wird wohl noch steigen
Diese Sorgen teilt auch Frank Umbach. Er ist Forschungsleiter des Europäischen Cluster für Klima-, Energie- und Ressourcensicherheit (EUCERS). „Wir laufen auf eine 60- bis 70-prozentige Importabhängigkeit bei US-LNG-Importen hinaus. Wir sollten uns prinzipiell von einer stärkeren Diversifizierung leiten lassen.“
Um eine dauerhafte Versorgungssicherheit herzustellen, sei es wichtig, den Import stärker aufzuteilen, so Umbach. Die Gasnachfrage in Europa werde in den nächsten Jahren eher steigen. „Da die EU-Targets für den grünen Wasserstoff für 2030 ebenfalls als unrealistisch gelten, benötigen wir für die Übergangszeit womöglich auch mehr Gas.“
Erneuerbare nicht ausreichend?
Die Erneuerbaren Energien und Batteriespeicher könnten diese Lücke nicht allein füllen, erklärt Umbach. „Mit dem Ausbau der Erneuerbaren, der Digitalisierung und Elektrifizierung der Industrie nehmen die Abhängigkeiten zu China bei zahlreichen Rohstoffen weiter zu. Diese Abhängigkeiten in diesen Bereichen könnten sogar noch größer werden als bei fossilen Energieimporte.“
Umbach ist deshalb für Kombination verschiedener Ansätze zur Energieversorgung – dazu gehört seiner Ansicht nach auch heimisches Fracking. „Ich habe nie verstanden, warum wir unsere eigenen Gasreserven nicht nutzen sollten. Das würde unsere Versorgungssicherheit stärken und auch neue Arbeitsplätze schaffen“, so Umbach. „Die Umweltrisiken in Europa und Deutschland sind vom wissenschaftlichen Standpunkt jederzeit beherrschbar.“