Der 29-Jährige besiegte den US-Amerikaner Ben Shelton in New York nach 3 Stunden und 33 Minuten mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2. Die 24.000 Zuschauer im Arthur Ashe Stadium, die zu sehr großem Anteil auf einen Sieg ihres US-Lieblings gehofft hatten, applaudierten fair dem neuen Champion. „Es tut mir sehr leid„, sagte Zverev lachend bei der Siegerehrung, „ich weiß, dass 99,9% der Menschen hier Ben die Daumen gedrückt haben.“
Für Zverev war es die dritte Final-Teilnahme bei Grand Slams in diesem Jahr und der zweite Sieg nach den French Open im Juni. „Wir haben fast 30 Jahre lang keinen Grand-Slam-Titel gewonnen und jetzt haben wir zwei in drei Monaten gewonnen. Ich bin sehr stolz auf meine Familie, weil solche Erfolge immer eine Familien-Sache sind. Gott weiß, wie hart wir gearbeitet haben und wie sehr wir gelitten haben. Das ist jetzt der Lohn“, sagte Zverev.
Final-Niederlage vor sechs Jahren
Zverev gewann an selber Stelle, an der er auf den Tag genau sechs Jahre zuvor noch gegen den Österreicher Dominic Thiem in fünf dramatischen Sätzen verloren hatte – und als gebrochener Spieler vom Platz gegangen war.
„Du bist vielleicht der beste Spieler in diesem Jahr. Du arbeitest mehr als jeder andere. Du hast dir den Titel verdient“, sagte der tief enttäuschte Shelton. Und was für ein besonderes Jahr es für Zverev war. Nachdem es lange Zeit für den besten deutschen Tennisspieler unmöglich erschien, überhaupt ein Major-Turnier zu gewinnen, hat er sich nach dem Sieg bei den French Open im vergangenen Sommer nun bereits den zweiten Grand-Slam-Titel gesichert.
Der einzige deutsche Tennisprofi, der im Big Apple jemals gewinnen konnte, war Boris Becker im Jahr 1989. Zudem hatte Zverev das Finale von Wimbledon erreicht.
Starker Aufschläger Zverev
Zverev hatte einen perfekten Start ins Match. Ihm gelang sofort ein Break, auch, weil Shelton sein Aufschlagspiel mit einem Doppelfehler „verschenkte“. Die Nervosität im ersten Grand-Slam-Finale des US-Amerikaners dürfte dabei eine große Rolle gespielt haben. Ganz anders der Deutsche, der von Beginn an voll fokussiert und direkt im Spiel war.
Vor allem Zverevs Aufschlag war wieder einmal ein Waffe, gegen die Shelton keine Mittel fand. 94 Prozent seiner ersten Aufschläge, die ins Feld fielen, konnte er gewinnen. Zverev nutzte seinen Vorteil, gewann seine Aufschlagspiele souverän. Er spielte auch ansonsten sehr solide, mit hoher Schlag-Qualität.
Und: Zverev konnte sich auf die Fehler seines Kontrahenten verlassen. Beim Stand von 5:3 gelang dem 29-Jährigen das nächste Break. Erneut unterlief Shelton ein Doppelfehler beim Breakball, was das 6:3 für Zverev bedeutete. Der Druck, der auf dem 23-Jährigen lastete, schien immens zu sein.
Zverev bärenstark im Tiebreak
Zverev spielte erst einmal auf diesem Niveau weiter. Er machte alles, damit Shelton nicht ins Spiel finden konnte. Zverev schlug weiter überzeugend auf. Und wenn er returnieren musste, hatte er eine Länge in seinen Schlägen, die oftmals spektakulär war. Und wenn sich beide Spieler mal längere Ballwechsel lieferten, war es der Deutsche, der zumeist als Sieger daraus hervorging.
Shelton schaffte es im zweiten Satz allerdings sein Niveau zu steigern, auch wenn er deutlich größere Probleme hatte, seine Aufschlagspiele zu gewinnen. Aber: Der US-Amerikaner nutzte seine wenigen Chancen bei Zverevs Service nicht, ihm unterliefen zu viele Fehler in entscheidenden Situationen.
Shelton rettete sich in den Tiebreak – wo Zverev sein ganzes Können auspackte und dem Kontrahenten keine Chance ließ. Zverev gelangen sofort zwei Mini-Breaks, so dass er direkt mit 3:0 in Führung gehen konnte. Danach punktete der Deutsche erneut bei eigenem Aufschlag doppelt, was eine 5:0-Führung bedeutete. Am Ende siegte Zverev deutlich mit 7:2 – und holte sich auch völlig verdient den zweiten Satz.
Zverevs erste Schwächephase
Es war fast schon bewundernswert, wie Zverev auch zu Beginn des dritten Satzes seine Konzentration hochhalten konnte. Er blieb fokussiert und und ließ sich auch von den vielen Shelton-Fans unter den 24.000 Zuschauern im Stadion nicht verunsichern. Shelton erspielte sich beim Stand von 3:2 für den US-Amerikaner nach über zwei Stunden den ersten Breakball des Matches. Zverev wehrte souverän mit seinem wuchtigen Aufschlag ab und holte sich das Spiel zum 3:3.
Shelton versuchte alles, spielte offensiver und druckvoller. Zverev hatte aber immer gute Antworten. Das Niveau der Partie hatte zugenommen – und plötzlich und unerwartet, beim Stand von 5:6, bekam Zverev seine erste kleine Schwächephase, lag mit 0:40 zurück und konnte das Spiel nicht mehr retten. Zverev verlor sein Aufschlagspiel und gab den dritten Satz völlig unerwartet mit 5:7 ab.
Zverev ließ nichts mehr anbrennen
Beeindruckend, wie sich Zverev mental sofort wieder fing und ihm sofort ein Break zum 1:0 im vierten Satz gelang. Er hatte diesen Fauxpas ein paar Minuten zuvor sofort wieder verarbeitet und zu vorheriger Stärke zurückgefunden. Aber auch Shelton schaffte es wieder, sein Niveau hochzubringen.
Es war ein hochklasssiges Match, bei dem Zverev immer ein Stück die Nase vorne hatte. Deshalb schaffte er auch noch das zweite Break beim Stand von 4:2, weil er seine Athletik voll ausspielte und Shelton zur Verzweiflung brachte. Beim Stand von 5:2 ließ Zverev nichts mehr anbrennen und sicherte sich den Turniersieg mit einen Aufschlag, den Shelton ins Aus drosch.