Warum wird über den Kurs der Wirtschaft gegenüber der AfD so stark diskutiert?
Der Anlass ist die neue Positionierung des Verbandes „Die Familienunternehmer“, der sein bisheriges „Kontaktverbot“ zu AfD-Politikerinnen und -Politikern aufgehoben hat. „Empörung allein hat sich als politische Strategie erschöpft“, sagt deren Vorsitzende Marie-Christine Ostermann zum neuen Umgang mit der Partei. Der Verband betont jedoch: Das Weltbild der AfD passe nicht „zu unserer freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Grundüberzeugung“.
Die Neu-Positionierung hat heftige Diskussionen und Reaktionen bei den Unternehmen ausgelöst. Daraufhin haben bereits mehrere Unternehmen wie etwa die Drogeriemarktkette Rossmann, Vorwerk sowie Fritz-Kola den Verband verlassen.
Große Unternehmen kündigen Mitgliedschaft beim Lobbyverband „Die Familienunternehmer“ wegen aufgeweichter AfD-Brandmauer
Weitere Mitglieder denken über einen Austritt derzeit nach, wie etwa das Bauunternehmen Goldbeck. „Wir prüfen in den kommenden Tagen sorgfältig unsere Mitgliedschaft im Verband vor dem Hintergrund, ob diese noch mit unseren Werten vereinbar ist“, so das Unternehmen in einer Erklärung, die tagesschau.de vorliegt.
Wer steht an der Spitze des Verbands der „Familienunternehmer“?
Marie-Christine Ostermann ist geschäftsführende Gesellschafterin beim Lebensmittelgroßhandel Rullko Großeinkauf, einem Familienbetrieb in vierter Generation, den sie seit 2006 leitet. Seit April 2023 ist die 47-Jährige auch Präsidentin des „Familienunternehmer“-Verbandes.
Ostermann sitzt zudem im Beirat des Thinktanks „Denkfabrik Republik 21“, der vor vier Jahren unter anderem vom Historiker Andreas Rödder sowie der früheren Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (beide CDU) gegründet wurde. Rödder hat sich in der Vergangenheit laut Welt gegen die Brandmauer zur AfD ausgesprochen. Stattdessen plädierte er dafür, „rote Linien“ zu ziehen und damit „die Voraussetzungen der Gesprächsbereitschaft“ zu definieren.
Marie-Christine Ostermann ist Präsidentin des Verbandes „Die Familienunternehmer“.
Spricht der Verband für alle Familienunternehmen?
Nein. In Deutschland gibt es nach Schätzungen rund drei Millionen Familienunternehmen. Etwa 6.500 davon sind nach eigenen Angaben im Verband „Die Familienunternehmer“ organisiert, der bis 2007 „Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer“ (ASU) hieß. In der Eigendarstellung sieht der Verband sich als „die Stimme der Familienunternehmen in Deutschland“ und behauptet, Interessenvertretung für rund 180.000 Firmen zu sein.
Ein zweiter Verband ist die „Stiftung Familienunternehmen und Politik“, in der sich nach eigenen Angaben zwischen 600 und 700 mittlere und große Unternehmen – wie etwa Stihl, Trumpf und Henkel – befinden. Dieser Verband hat sich erneut sehr deutlich gegen AfD-Gesprächskontakte positioniert: „Wir sehen keine Veranlassung, unsere Position zu extremen Parteien wie Die Linke oder AfD zu ändern.“
Die Stiftung werde vor allem von mittleren und großen Familienunternehmen getragen, die international tätig seien, „für die offene Märkte, Freihandel, Fachkräftezuwanderung, Einbindung in das sicherheitspolitische System der NATO und das Bild im Ausland über Deutschland entscheidend sind“.
Man lade auch deshalb keine Vertreter der AfD oder der Linken zu Veranstaltungen ein, weil deren Wertebasis in weiten Teilen nicht zu der von Familienunternehmen passe. „Die Programmatik der AfD würde das Familienunternehmertum in Deutschland, wie wir es kennen, gefährden“, erklärt Stiftungsvorstand Rainer Kirchdörfer gegenüber gegenüber tagesschau.de.
Welche Position nehmen andere Wirtschaftsverbände hierzulande ein?
Wirtschaftsverbände, führende Wirtschaftsforscher und Unternehmen stehen der AfD weitestgehend distanziert bis kritisch gegenüber. Beim großen Branchentreff, dem deutschen Arbeitgebertag des Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgebervverbände (BDA) etwa, der diese Woche in Berlin stattfand, war kein AfD-Politiker als Redner geladen.
Vor den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen sowie Brandenburg im September 2024 gründete sich ein breites Bündnis von Familienunternehmen „Made by Vielfalt“, das sich unter anderem mit Anzeigenkampagnen positionierte und bis heute für Weltoffenheit und gegen Fremdenfeindlichkeit als Pendant zu AfD-Positionen einsetzt. Inzwischen gehören mehr als 155 Familienunternehmen aus ganz Deutschland zu der Initiative.
Doch der „Familienunternehmer“-Verband ist nicht der einzige, der seine Position zur AfD ändert. Christoph Ahlhaus, Bundesgeschäftsführer des Mittelstandsverbands BVMW, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Umfrage- und Wahlergebnisse sprechen derzeit nicht dafür, dass die Strategie der Brandmauer erfolgreich funktioniert hat.“
Unterscheiden sich Bundesebene und Kontakte auf regionaler Ebene?
Auf Landes- oder kommunaler Ebene kämen manche Unternehmen nicht darum herum, mit AfD-Politikern zu sprechen, so die Einschätzung des Politologen Thomas Biebricher im Gespräch mit NDR Info. Aber die Frage sei schon, ob man dies auf Bundesebene zur offiziellen Verbandsposition erhebe.
Mit „kontinuierlichem Informationsaustausch“ zur Dresdner Handwerkskammer präsentierte sich zum Beispiel der AfD-Kreisverband Dresden bereits 2014 im Internet. Die Kammer bestätigt solche Gesprächskontakte gegenüber tagesschau.de. Andreas Brzezinski, deren Hauptgeschäftsführer sagt dazu: „Aufgabe der Handwerkskammer Dresden als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist die Interessenvertretung und Wirtschaftsförderung für ihre Mitglieder. Dies umfasst die fachliche und politische Auseinandersetzung mit wirtschaftspolitischen Ideen und Konzepten aller in den Parlamenten vertretenen Parteien und politischen Gruppen – auch der AfD – im Sinne des in einer Demokratie herrschenden Wettstreits der Meinungen.“
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nimmt hierzu eine durchaus ähnliche Position ein: „Bei Einladungen zu Veranstaltungen, die sich an die Gesamtheit des Bundestages richten, etwa beim Parlamentarischen Abend, wird grundsätzlich nicht nach Parteizugehörigkeit unterschieden, einziges Einladungskriterium dabei ist die Zugehörigkeit zum Bundestag als rechtmäßig gewählte Abgeordnete oder gewählter Abgeordneter.“ Aktiv werde der Gesprächskontakt zu Parteien, die demokratie- und wirtschaftsfeindliche Positionen vertreten, nicht verfolgt.